Herzstück – Die Maschenprobe und das Nadelmaterial

Zwei Nadeln und ein Faden (oder auch nur eine Nadel) und ungezählte Varianten, was dabei herauskommen kann. Das ist beim Handarbeiten doch das Schönste. Und so kann auch nach 20 Jahren immer noch dazu gelernt werden. Alexis Winslow und Simone von der Waldorfmanufaktur haben mich darauf gebracht, dass nicht nur die Nadelstärke, sondern auch das Nadelmaterial ausschlaggebend für das Resultat ist. Viereckige Stricknadeln oder welche aus Karbon – Ganz ehrlich, meine Vermutung war, dass damit einfach nur mehr Nadeln verkauft werden sollen. Falsch gedacht!

Später dazu mehr, jetzt erst einmal das Grundlegende, das Wesentliche, das Herzstück des Strickens: Die Maschenprobe (Du warst schon in einem meiner Strickkurse? Dann überspring diesen Absatz). Frei nach Devo: Do it Baby, yeah! Ich weiß, Du willst Deine Strickjacke/ Socke/ Mütze/ Hotpants stricken. Damit das ganze jedoch am Ende auch passt und so wie in der Anleitung beschrieben auch tatsächlich aussieht, ist es echt wichtig, die halbe Stunde für die Maschenprobe zu investieren. Das erspart auch ein nerviges wieder aufribbeln und noch mal stricken.

Los geht’s. Auf der Banderole des Wollknäuels oder in der Anleitung steht bspw. 26 M x 36 R = 10 cm x 10 cm mit Nadelstärke 4.00 mm. Ich stricke extrem locker, also nehme ich schon bei der Maschenprobe eine 3.00 mm Nadel. Ich schlage 36 M an. Das ist kein Tipfehler. Der Teil der Maschenprobe, der ausgemessen wird sollte etwas mehr als 10 cm haben, denn die Maschen am Rand verfälschen das Ergebnis leicht. Maschenproben können nur zu klein, nie zu groß sein. Ausserdem stricke ich die ersten drei und die letzten drei Maschen in kraus rechts, damit die Maschenprobe am Ende auch schön flach liegen kann. Dies entfällt bei Mustern die sich nicht aufrollen, also in der Regel Muster, die aus rechten und linken Maschen bestehen wie zB. das Perlmuster. Bei glatt rechts sollte jedoch über die ersten und letzten 6 bis 8 Reihen kraus rechts gestrickt werden und eben an den Rändern. Die Maschenprobe sollte etwa so lang wie breit sein. Noch eine gute Sache am Maschenproben stricken ist, dass alle Muster die in dem Strickstück vorkommen geprobt werden können. So wird auch wieder ein Reihenlanges aufribbeln vermieden.

Wenn die Probe nun fertig ist, sollte mit ihr das geschehen, was mit dem fertigen Strickstück auch geschehen soll. In erster Linie also Waschen. Auch wenn das am Ende vielleicht in der Maschine passieren soll, reicht es die Probe mit etwas Shampoo oder Wollwaschmittel (Öko natürlich) mit der Hand zu waschen. Liegend, hängend oder gespannt (je nachdem wie auch das Strickstück behandelt werden soll) trocknen lassen. Ja, ja, ich weiß, jetzt sollst Du auch noch warten, bis das Ding trocken ist. Es lohnt sich! Große Ausnahme: Angora. Bitte Angora nach Möglichkeit nicht waschen! Am besten noch nicht mal scharf angucken, sonst filzt es sofort.

Interessant ist es, die Maschenprobe vor und nach dem Waschen auszumessen. Die Unterschiede können gravierend sein. Das ist gut zu wissen, denn sonst könnte beim Stricken angenommen werden, dass das Strickstück viel zu klein/ zu groß ist, dabei verändert es sich einfach noch beim Waschen.

Das Ausmessen ist denkbar einfach. Maßband oder Handmaß auf die Strickprobe legen und die Maschen und Reihen auf 10 cm ausmessen. Den Geübteren fällt dies leichter. „Halbe“ Maschen werden mitgezählt! Wenn die einfach weggelassen werden oder eine halbe dazu getan, rächt es sich. Denn dann werden ja meist größere Stücke (sprich ein Pullover u.ä.) gestrickt und es addiert sich auf die Länge. Wenn ich 25.5 Maschen/10cm habe und brauche aber 26M/10 cm dann wird mein Strickstück am Ende zu klein. Wenn Du dabei Schwierigkeiten hast, die Maschen zu erkennen, geh am besten in den nächsten Wolladen. Die Verkäuferinnen sind meist so nett weiterzuhelfen.

Ich messe also aus und habe 28 M/10cm: größere Nadel nehmen, neue Maschenprobe. Ich habe 24 M/10 cm: kleinere Nadel nehmen, neue Maschenprobe. Das geht jetzt aber zu weit. So viele Maschenproben. Nein, beim Stricken der Maschenprobe kannst Du schon nach ein paar cm nachmessen, wie viele Maschen es sind. Dann einfach die Nadelstärke entsprechen wechseln, Übergang markieren und weiterstricken.

Mit Elizabeth Zimmermann im Chor: Immer, immer, immer Maschenproben stricken! Ausnahmen bestätigen die Regel.

Was tun mit der Maschenprobe? In jedem Fall nicht sofort aufribbeln und mitverstricken. Warte damit bis zum Ende, es ist Dein Referenzstück. Ich hebe meine Maschenproben auf. Hübsch etikettiert mit Nadelstärke, Garnbezeichnung und Muster. Ich habe schon ein ganzes Arsenal.

Und ist das nicht schon genug zu bedenken? Nein, jetzt wird’s erst richtig spannend. Denn wie ja schon am Anfang erwähnt, ist auch das Nadelmaterial wichtig. Generell ist es so, dass Holz und Bambus sich hervorragend für Proteinfasern (Wolle und Seide) eignen und Metall für Zellulose (Baumwolle). Locker Strickende bevorzugen eher Holz, eng Strickende eher Metall mit besonders spitzen Spitzen. Das kommt daher, dass das Material auf Metall leichter rutscht als auf Holz und am wenigsten auf Bambus. Glatte Seide auf Bambus ist also zu empfehlen, Baumwolle dagegen nicht. Dann gibt es noch Plastiknadeln (Ne, geht gar nicht. Existiert in meiner Sphäre noch nicht einmal. Maximal als recycelter Schmuck.) und Karbonnadeln. Die Karbonnadeln sind besonders leicht, spitz, glatt und bruchfest. Je nach dem für welches Material sich entschieden wird, richtet sich die Maschenprobe.

Ich habe eine Probereihe gestrickt. Da ich nicht von allen Nadelstärken auch Nadeln in allen Materialien habe, sind sie in Gruppen aufgeteilt. Besonders hat mich interessiert, welchen Effekt die viereckigen Nadeln haben. Die Maschenproben sind gedämpft. Meine Probereihen unterscheiden sich sehr von der Alexis Winslows in der Hinsicht, dass ich leider keine Karbonnadeln zur Verfügung hatte (und die sind recht teuer) und auch kein Plastik. Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse interessant, wenn auch nicht so gravierend wie bei ihr.

Testreihe I: Schurwolle, 3-fädig, 260 m/ 100g mit 4.00 mm Nadeln in Holz, Holz viereckig, Bambus und Metall

Die Maschenanzahl auf 10 cm war bei drei Proben erstaunlicherweise gleich. Nur das viereckige Holz hat 1.5 M weniger als die anderen drei. Auf 90 M gerechnet macht das jedoch einen Unterschied von 4 cm! In der Reihenzahl gibt es bei Holz und Holz viereckig keinen Unterschied, zu den anderen beiden Nadeln jedoch große Unterschiede von 2 – 3 Reihen.

Reihe I auf 10 cm²

Links oben Holz: 19 M x 28 R

Links unten Holz viereckig: 17.5 M x 28 R

Rechts oben Bambus: 19 M x 30 R

Rechts unten Metall: 19 M x 31 R

Testreihe II: Schurwolle, 6-fädig, 130 m/ 100g mit 6.00 mm Nadeln in Holz, Holz viereckig und Metall

Keine Übereinstimmungen der Zahlen und die Maschenproben unterscheiden sich um bis zu 1.5 M und 1.5 R. Erstaunlich ist, das die viereckigen Maschen auch bei dieser Reihe das niedrigeste Maschenergebnis hat, jedoch am meisten Reihen!

Reihe II auf 10 cm²

Links oben Holz: 13.5 M x 20.5 R

Links unten Holz viereckig: 14.5 M x 22 R

Rechts Metall: 15 M x 21 R

So unterschiedlich wie auf der Grafik unten dargestellt, würde dann ein Pullover ausfallen, der mit 90 M und 180 R, bzw. 70 M x 120 R gestrickt wird.

Mich würden diese Karbonnadeln doch interessieren. Das Projekt Maschenprobe ist also noch nicht abgeschlossen…