Umzug aufs Land, enkeltauglich Leben und was das mit Waschlappen zu tun hat

Wir ziehen raus aus Berlin. Hermannplatz, Neukölln, alles ist groß und laut und viel und sehr, sehr hip. Als unser zweites Kind geboren ist, im Frühjahr 2013, fing der Wunsch an zu wachsen, woanders zu sein. Vorher haben wir vielleicht darüber nachgedacht, auch laut. Aber mit diesem kleinen Kind fingen wir an es als Möglichkeit zu betrachten, ein anderes Leben zu führen, als wie wir es in Berlin tun. Mir wurde bewusst, dass ich immer dachte, damit sich etwas ändert, muss jemand etwas tun. Wie befreiend zu verstehen, dass ich etwas ändern kann. Hier und jetzt in jedem Moment. Es kann ein ganz kleiner Schritt sein oder auch viele kleine wiederholte. Mein Mann und ich entscheiden uns für einen etwas größeren. Wir haben eine alte Wassermühle gekauft in der Prignitz. Noch nie davon gehört? Liegt auf halbem Wege zwischen Berlin und Hamburg, also mittendrin. Die am dünnsten besiedelte Gegend Deutschlands. Unsere Mühle liegt am Bach, fast ganz allein, wir haben eine Nachbarsfamilie.

Unsere Mühle im Herbst

Unsere Mühle im Herbst

Wir möchten unsere Mühle ausbauen und wieder mit Leben füllen. Wir sind auch nicht mehr nur wir Kleinfamilie sondern mittlerweile 3 Große und 2 Kleine. Mehr sollen kommen und wir möchten zusammen leben und füreinander da sein. Der Garten soll wieder bewirtschaftet werden und wir möchten uns zum größten Teil selber versorgen mit dem was wir zum Leben brauchen, alles andere möglichst regional beziehen. Wir haben unsere eigene Wasserversorgung, ein Plumpsklo, bald eine Holzheizung und irgendwann möchten wir unseren eigenen Strom gewinnen. Doch halt. Sollte sich das jetzt so annehmen, als möchten wir uns abkapseln von der Welt, habe ich einen falschen Eindruck erweckt. Wir wollen in der Prignitz unseren Platz finden und wir möchten Menschen einladen mit uns zu sein, für eine kürzere oder längere Zeit (ja! Wir brauchen für unser Lebensprojekt Helferinnen* à la Helpex und wwoofen). Wir werden nicht in die Stadt fahren zum „Arbeiten und Geld verdienen“. Auch das möchten wir vor Ort tun. Mit einem Werkhof. Ich werde meine Färber- und Textilwerkstatt mit Färbergarten aufbauen, es wird eine Drechslerei und Tischlerei geben und eine Bar. Ja, eine Bar, richtig gelesen. Da gibt es dann vielleicht auch mal Kaffee und Kuchen.

Der Bach im Herbst

Der Bach im Herbst

Warum schreibe ich hier über dieses Abenteuer? Einmal haben mich einige Blogs, eine Zeitschrift (Oya) und Menschen, die ich kennenlernte, ausserordentlich dazu ermutigt, ein Leben wie ich es mir erträume, auch zu leben. Dazu gehören das Experiment SelbstversorgungZurück zum Ursprung und Tapada da Ribeira. Gut, ich kann als Einzelne etwas tun. Doch viel besser wäre es doch, wenn viele neue Schritte wagen und vielleicht kann ich sie dazu ermutigen , indem ich über unseren Weg schreibe. Was denn eigentlich unser Weg? Ich kann es nur vage in Worte fassen und nur für mich ganz persönlich. Es geht mir darum, dieser unserer aller Mutter Erde kein Leid zuzufügen. Enkeltauglich leben. Mit meinen Mitmenschen leben und nicht in Konkurrenz zu ihnen. Meine Hoffnung ist, mit diesen Journalartikeln Dich, liebe Leserin, dazu zu ermutigen, eigene Schritte zu gehen in eine enkeltaugliche Zukunft (ein Begriff, der oft in der Oya verwendet wird, s.o.).

Wo habe ich also anfangen, mit dem nachhaltigen Leben mit wenig Konsum? Es war ist gar nicht so schwer – mit Lappen beispielsweise. Lappen aller Arten: Waschlappen, Schnutenlappen, Putzlappen, Geschirrtücher, Servietten, Taschentücher, Windeln, Polappen, … Alles Dinge des täglichen Lebens die in den letzten ca. 50 Jahren durch Wegwerfartikel ersetzt wurden (zumindest hier in Deutschland und einem großen Teil der Welt).

blog lappen 2

Für unsere Kinder hatten wir Stoffwindeln. Zumindest bis sie in die KiTa kamen, dann meist nur noch am Wochenende. Ich habe sehr gerne die klassischen Mullwindeln genommen. Jetzt wo die Kinder sie nicht mehr brauchen, benutze ich sie. Ständig. Wie geht ein Leben ohne Mullwindeln? Gelee abseihen (ich habe noch keine Flotte Lotte), Färbesud abseihen,  als Unterlage wenn wir am Küchentisch etwas kleckerndes machen, schnell mal was aufsaugen (adé Küchenrolle), etc. pp. Und wenn sie ganz unansehlich werden, können sie bunt eingefärbt werden und sie sind wieder wie neu.

Taschentücher aus Stoff sind tatsächlich viel, viel angenehmer für zarte Näschen als die aus Papier. Probiers aus. Wir haben für 4 Personen etwa 50 Stück.

Zu Tisch baruchen wir Schnutenlappen, mit denen wir den Kindern nach dem Essen die Schnute putzen. Und seitdem meine liebe Freundin Frau Gold mir ein paar Furoshiki geschenkt hat, haben wir Stoffservietten.

blog lappen 4

Ich habe ein Unternehmen, dass Wolle verkauft, also habe ich viel Garn und kaufe nicht viel anderes. Aber ich habe noch körbeweise Reste. Reste von Seiden und Baumwollgarnen verhäkel ich auf langen U-Bahn fahrten zu Waschlappen. Hin und Rück oder in der Runde, mit Muster oder nur feste Maschen – wie mir gerade so ist. Ich verschenke die Waschlappen gerne mit meinen selbst gesiedeten Seifen. Da braucht es dann auch keine großartige Verpackung mehr. Perfekt.

blog lappen 3

Aus Stoffresten können wunderbar Putzlappen hergestellt werden, aber da erzähle ich bestimmt nichts Neues. Mit der Verwendung von waschbaren Lappen kann also eine Menge Wegwerfmaterial gespart werden und damit auch Energie. Ich habe es nicht ausgerechnet, aber ich bin mir sicher, dass es ökonomisch wie ökologisch sinnvoller Taschentücher zu waschen als sie immer wieder inklusive Plastikverpackung zu kaufen. Über Waschmittel werde ich mir in einem der nächsten Journaleinträge Gedanken machen.

Und wie steht es mit der Mühle? Die Asbestsanierung ist abgeschlossen, 4 Hühner und ein Mensch wohnen schon dort und wir werkeln eifrig daran, das Wohnhaus bewohnbar zu machen. Als nächstes Großprojekt ist die Heizung dran. Dazu ein ander Mal ausführlicher.

*Ja, hier läuft das andersherum. Es wird durchgehend die weibliche Form genutzt. Alle anderen dürfen sich angesprochen fühlen, unbedingt!